Freitag, 16. Oktober 2015

Der Spielraum nach Emmi Pikler

Bevor ich euch von unseren ersten Erfahrungen im Spielraum berichte, möchte ich zum besseren Verständnis folgende Fragen beantworten:

- Wer war Emmi Pikler? Was versteht man unter der Pikler- Pädagogik?
Emmi Pikler, eine ungarische Kinderärztin, revolutionierte in den 1930er Jahren die Kleinkindpädagogik mit ihren Ansichten. Kinder sollen sich ihrem Entwicklungsstand nach möglichst selbstständig entwickeln dürfen, ohne dass Erwachsene ein- oder vorausgreifen. In der Pikler- Pädagogik gibt es drei zentrale Aspekte:

  1. Pflege: Die Pflege des Kindes soll nicht als etwas angesehen werden, das schnell über die Bühne gebracht werden muss. Die körperliche Pflege sollte einfühlsam erfolgen und als Möglichkeit zur innign Kommunikation mit dem Kind betrachtet werden. Das Kind sollte nach eigenem Wunsch an der Körperpflege beteiligt werden.
  2. Freie Bewegungsentwicklung: Jedes Baby hat seinen eigenen Rhythmus und lernt von selbst sich zu drehen, zu sitzen, zu krabbeln und zu laufen. Der Erwachsene sollte nicht versuchen die Bewegungsentwicklung zu beschleunigen. Das Kind sollte nicht in Positionen gebracht werden, die es von sich aus noch nicht einnehmen kann (zB nicht aufsetzen bevor es nicht selbst frei sitzen kann).
  3. Freies Spiel: Kinder sollten die Möglichkeit haben in einer geschützten und ihrem Entwicklungsstand entsprechend gestalteten Umgebung, frei spielen zu können.
Wichtig ist aber auch, dass der Erwachsene die Eigeninitiative des Kindes respektiert und unterstützt und ihm einen sicheren Hafen bietet. Kinder brauchen sichere Bindungen zu Bezugspersonen, von denen sie sich angenommen fühlen.

- Was ist der Spielraum?
Der Spielraum ist ein geschützter Raum mit einer vorbereiteten Umgebung für die Kinder, der von einer Spielraumleiterin begleitet wird. Er bietet Eltern die Möglichkeit die Eigeninitiativen des Kindes zu beobachten, da die Eltern im Spielraum nur Beobachter sind. Wie forscht das Kind? Wie begegnet es anderen Kindern? Wie geht es mir selbst als Elternteil in der Beobachterrolle?
Die Kinder dürfen sich von den Eltern lösen, um selbstständig aktiv zu werden, müssen dies aber nicht. Sie dürfen auch auf Mamas Schoß sitzen bleiben, nur dürfen die Eltern das Kind nicht zum Spielen begleiten.

"Wesentlich ist, dass das Kind möglichst viele Dinge selbst entdeckt." (Emmi Pikler)

So viel zur Theorie!

Das Käferle im Spielraum:
Eine befreundete Mama musste aus Termingründen ihren Platz im Spielraum aufgeben und hat uns diesen zum Ausprobieren angeboten. Sie schwärmte mir von der herzlichen Gruppenleiterin vor und dass uns der Spielraum sehr gut tun würde.
Anfangs war ich skeptisch, denn in der Krabbelgruppe hat es dem Käferle gar nicht gefallen. Dennoch haben wir den Versuch gewagt.

Beim ersten Termin versuchte das Käferle mich wie gewohnt dazu zu bringen, mit ihr spielen zu gehen. Ich verneinte und schlug ihr vor, doch dieses oder jenes zu spielen und sie strebte einige Schritte fort und kehrte wieder auf meinen Schoß zurück. Bis ich bemerkte, dass dieser Schritt des Loslösens von ihr ausgehen sollte. Ich lehnte mich zurück ohne Erwartungen und das Käferle blieb auf meinem Schoß und beobachtete die anderen Kinder. Zwei Mal wollte sie gestillt werden und meinte: "Mama hinaus gehen."
Beim zweiten Termin saß sie zunächst wieder auf meinen Schoß, wobei sie zuvor einem Jungen noch Kastanien schenkte.
Schließlich entdeckte sie in einem Körbchen drei wunderschöne Holzpferde und schon war sie fort - aus eigenem Antrieb. Sie kehrte zwar dann damit wieder zu mir zurück und wollte wissen, wie die Pferde heißen, aber sie ging dann noch einige Male auf Entdeckungsreise und erkundete die Krabbelkiste und den Tunnel.
Am Ende half sie beim Aufräumen und ich war richtig erstaunt und stolz auf ihr eigenständiges Agieren und darauf wie selbstverständlich sie sich durch den Raum bewegte.
Nicht nur Kinder, sondern auch Eltern entwickeln sich im Spielraum weiter. Ich hab auf jeden Fall wieder viel gelernt, *hihi*.


Kommentare:

  1. Liebe Gertraud!
    Das hört sich soo toll an! Vielen Dank, dass du auch einen theoretischen Teil mit eingebaut hast. So eine Spielgruppe wäre perfekt für unseren Tiger - er würde sich liebend gerne ohne mich ins Abenteuer stürzen (vorausgesetzt ich bleibe in Sichtweite *hihi*). Vielleicht finde ich doch noch irgendwo in unserer Nähe etwas Vergleichbares :)
    Es freut mich, dass es auch eurem Käferle gefällt ;-)
    Liebe Grüße,
    Ricarda

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    1. Liebe Ricarda!
      Ja da haben wir Glück, dass wir den Spielraum in unserer Nähe haben ;-) Diese Woche hat das Käferle den Termin leider verschlafen und wenn man sie zu früh weckt ist sie ein richtiger Morgenmuffel! Ich hoffe, dass es diese Woche wieder klappt, hihi...
      Lg Gertraud

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