Dienstag, 29. September 2015

Was bedeutet Montessori für mich?

Ein zentrales Thema dieses Blogs ist die Montessori- Pädagogik, die unser Familienleben bereichert. Doch was bedeutet das eigentlich?

Wie man die Pädagogik auslegt und lebt ist Interpretationssache und so kann ich euch nur erzählen, was Montessori für mich bedeutet und welche Einstellung dem Kind gegenüber für mich damit zusammenhängt.
Der aktuelle Artikel von Anna von den Marseltern hat mich zur Reflexion angeregt.

Ich bin von Beruf Volksschullehrerin und kenne mich mit Kindern dieser Altersstufe daher "gut" aus. Mit Babys und Kleinkindern hingegen hatte ich bis zur Geburt unserer Tochter kaum zu tun. Montessori für Kleinkinder habe ich wie viele andere durch Annas Blog für mich entdeckt und ich war sofort begeistert!

Was bedeutet Montessori für mich?

- Beobachten und Verstehen (nicht Bewerten):  
Jede Verhaltensweise hat einen Grund und indem wir unser Kind beobachten, können wir sein Verhalten besser verstehen. Ich versuche unserem Käferle so viel Freiraum wie möglich zu geben, damit sie im Tun lernen kann. Dabei halte ich mich mit wertenden Äußerungen (Lob oder Kritik) zurück, da sie sonst aus der vertieften Tätigkeit gerissen wird und sie diese ja einfach aus einem inneren Interesse heraus ausführt und nicht um dafür eine Bewertung zu erhalten.
Die Beobachtung zeigt mir auch, wofür sich unsere Tochter interessiert und welche Dinge sie gerade übt und für ihre Entwicklung braucht. Ich brauche meiner großen Lehrmeisterin nur zu folgen.
Unsere Tochter liebt es zur Zeit, wenn ich in die Rolle des Kasperles schlüpfe (mit der Handpuppe) und wir spielen dann ganz wunderbar miteinander. Pferde und Kutschen sind sehr beliebt und werden gerne von ihr bestaunt. Sie löst gerne Nüsse und Kastanien aus ihrer Schale, übt das Rückwärtsgehen, möchte gerne hüpfen und springen können usw.
Diese Liste könnte ich endlos fortführen! Das eigene Kind zu beobachten, bedeutet für mich, all diese Kleinigkeiten zu wissen und zu unterstützen.
Für mich ist es "Montessori" vom Kind auszugehen. Wir verbringen deswegen viel Zeit beim Kastanienbaum in unserer Nähe, denn da gefällt es unserer Tochter und sie kann Kastanien aus ihren Schalen lösen. Ich vermute, dass diese Tätigkeit gerade ihre feinmotorische Entwicklung unterstützt. Für mich wäre es falsch zu sagen: "Lass die Kastanien liegen, da kannst du dich stechen. Wir beschäftigen uns jetzt mit dem Anziehrahmen, den Mama für dich gekauft hat."

- Vertrauen in die kindliche Entwicklung haben: Kinder lernen und entwickeln sich in ihrem eigenen Tempo, wenn man sie lässt. In diesem Zusammenhang finde ich dieses Sprichwort sehr treffend:
"Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht!" 
Auch für mich war es ein langer Weg bis zu dieser Einsicht. Unser Käferle hat "erst" mit zirka 11 Monaten mit dem Krabbeln begonnen und läuft nun seit einigen Wochen frei (19 Monate). Die elterlichen Sorgen waren unbegründet, das Laufen war ihr anscheinend lange Zeit nicht so wichtig. Dafür ist sie sprachlich schon sehr weit. Was ich damit sagen will: Vertraue dem Entwicklungsplan deines Kindes!
Höre auch im Schulalter nicht damit auf!

- Bedingungslose Liebe und die Arbeit an sich selbst: 
Kinder brauchen einen sicheren Hafen, von dem aus sie die Welt entdecken können. Für mich bildet die bedingungslose Liebe der Eltern diesen sicheren Hafen. Das bedeutet das Kind zu lieben, auch wenn es sich "negativ" verhält und ihm die Liebe nicht zu entziehen. Meist ist es ja so, dass die Eltern das Kind wirklich lieben, aber es ist bedeutend, dass das Kind sich auch bedingungslos geliebt fühlt. Oft ist das gar nicht so einfach und es setzt voraus, dass wir als Eltern an uns selbst arbeiten, reflektieren und in unserer Kommunikation mit dem Kind sehr achtsam sind. Sind wir vom kindlichen Verhalten genervt (Unordnung, Wutanfälle,...), merkt ein Kind das schnell. Hier wäre es wichtig, Luft zu holen, einen Schritt zurück zu machen und gelassen zu bleiben. Das Kind sollte nicht das Gefühl bekommen, dass es nur geliebt wird, wenn es ordentlich ist.
Für mich ist diese Arbeit an mir selbst gerade sehr wichtig, denn obwohl ich weiß, dass sich das Käferle am Beginn der "Autonomiephase" befindet, fühle ich mich zunehmend genervt. Das Wissen über diesen bedeutsamen Entwicklungsschritt hilft mir aber gelassen zu bleiben.

- Helfen: Ja oder Nein?
Das Zitat "Hilf mir es selbst zu tun" ist sehr bekannt und ich habe viel darüber nachgedacht. Ich handhabe es so, dass ich meiner Tochter helfe, wenn sie nach meiner Hilfe verlangt, auch wenn sie etwas schon selbst könnte. Es gibt in der kindlichen Entwicklung "Phasen", in denen die Kinder anhänglicher sind und uns stärker einfordern. Vielleicht will das Kleinkind plötzlich wieder gefüttert werden, obwohl es schon ohne Hilfe essen konnte. Ich richte mich nach meinem Kind und verlange nicht diese Selbstständigkeit von ihr. Ich persönlich unterstütze meine Tochter auch relativ rasch, wenn sie Frust äußert. Warum?
Der Frustäußerung geht der Frust, also das misslungene Vorhaben ja bereits voraus. Ich warte kurz ab, ob es doch gelingt und biete dann meine Hilfe an.
Wenn ich selbst frustriert bin, bin ich über Unterstützung schließlich auch froh. Ist sie in eine Tätigkeit versunken, störe ich sie nicht und halte mich zurück!
Ich bin der Meinung, dass der Umgang mit Frust nicht durch Frusterlebnisse gelernt wird. Ein zufriedener Mensch kann mit einem Frusterlebnis besser umgehen als ein generell schon frustrierter Mensch, bei dem eine Kleinigkeit bereits das Fass zum Überlaufen bringt. Ich halte daher nichts davon, Kinder bewusst zu frustrieren, um sie abzuhärten.
Es ist nicht " Montessori " dem Kind ein Tablett mit einer Übung vor die Nase zu setzen, wenn die Übung das Kind nur frustriert, weil sie noch nicht seinem Entwicklungsstand entspricht. Folgt man dem Kind, wählt es seine Übungen/ Aufgaben selbst, dann wird es diese eher bewältigen können und nicht das Gefühl haben, an einer gestellten Aufgabe gescheitert zu sein.
Ich habe unsere Wohnung so gestaltet, dass unsere Tochter Vieles selbstständig machen kann, wenn sie es möchte. Tabletts mit Übungen setze ich sehr vorsichtig ein.
Wie seht ihr diesen Punkt?


Montessori beginnt bei mir - mit Liebe, Vertrauen und Verständnis!
Ich begleite mein Kind, ich folge ihm!

Danke dafür, dass ich meine Gedanken auf diesem Wege mit euch teilen darf!
Was bedeutet Montessori für euch?

Ich würde mich sehr über einen Austausch freuen!


Kommentare:

  1. Liebe Gertraud!
    Wie so oft muss ich dir sagen, du sprichst mir aus der Seele! Vielen Dank für den tollen Artikel!
    Besonders hilfreich ist für mich der Teil, wie schnell du bei Frust hilfst - ich handhabe es sehr ähnlich, war mir bis jetzt aber immer etwas unsicher, ob so ein schnelles Eingreifen meinerseits bei angehendem Frust zielführend ist..
    Es ist wirklich oft schwierig, alte Denkmuster in neue zu verwandeln *schmunzel*.
    Herzlichen Dank, Ricarda

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    1. Liebe Ricarda!
      Ob ich in Bezug auf den kindlichen Frust "richtig" reagiere, weiß ich auch nicht so genau :) Für mich fühlt es sich richtig an, denn ich würde mich irgendwie schäbig fühlen, wenn ich nicht helfe...
      Danke für deinen Kommentar :)
      Liebe Grüße,
      Gertraud

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